Einsatz 2010


Rahmendaten

Einsatzzeit: 31. Juli - 21. August 2010
Einsatzort : Flüchtlingslager Ora und Kalenic
Vorbereitungswoche: 28. April - 02. Mai 2010
Vorbereitungsort : Bannmühle, Odernheim am Glan
Infotag: 12. März 2010, Mainz
AG - Treffen: 25.06., 10-16Uhr
Treffpunkt: Jugendhaus Don Bosco, Mainz
Teilnehmer 2010


Zivis für Kinder in Serbien 2010

Die Lager: Ora und Kalenic

Auf Grund der relativ großen Anzahl von Teilnehmern in diesem Jahr (13 Zivis und Ehemalige) war es möglich, sowohl die angefangene Arbeit im Lager Kalenic fortzusetzen, als auch das für uns neue Lager Ora zu besuchen. 5 Freiwillige fuhren nach Kalenic und die restlichen 8 nach Ora.

Kalenic
Kalenic
Ora
Ora

Das Flüchtlingslager Ora liegt etwa 50 km südwestlich von Belgrad in unmittelbarer Nähe der wirtschaftlich wichtigen Stadt Smederevo und direkt neben einem großen Stahlwerk.
Fast alle der 500 Bewohner des ehemaligen Auffanglager sind Kosovo-Flüchtlinge, traumatisiert durch die Brutalität und Ungerechtigkeit des Krieges. Die materiellen Bedingungen sind noch immer erschreckend schlecht, trotz der Nähe zu Smederevo. Obwohl wir durch Berichte eines Tagesbesuchs im Vorjahr wussten, dass wir hier viele Kinder antreffen würden, waren wir von der Anzahl (wir rechneten mit 50 und hatten teilweise 70 Kinder bei den Einheiten), der Altersspanne, dem Aufmerksamkeitsbedürfnis, aber auch der Freude der Kinder überwältigt.
In Kalenic ist die materielle Lage mittlerweile für serbische Verhältnis nicht mehr schlecht und die Anzahl der Kinder, die noch dauerhaft im Lager leben, nimmt immer weiter ab. Das war für uns jedoch kein Grund das Lager nicht mehr zu besuchen, sondern im Gegenteil Nachhaltigkeit zu beweisen und die verbliebenen Kinder ein bisschen aus der Isolation zu holen.


Das Programm

Ideen, wie unser Programm aussehen könnte, hatten wir während der Werkwoche auf der Bannmühle und bei den AG-Treffen reichlich gesammelt. Jetzt galt es unser komplett durchplantes Programm noch umzusetzen.
Vor Ort warfen wir dann erst einmal alles über den Haufen, weil wir nicht mit so vielen und unglaublich aktiven Kinder gerechnet hatten. Mit der Zeit schafften wir es dann aber doch viele unserer Ideen in die Tat umzusetzen und begeisterten die Kinder sogar mit Müllsammeln im Lager (was einfach aussichtslos scheint auf Grund der Menge an Müll).
In drei Einheiten pro Tag zu je 1,5 bis 2 Stunden malten, sangen, bastelten und spielten wir mit den Kindern. Einen Großteil der Zeit war es jedoch eher rumalbern und toben.
Die Tatsache, dass wir kaum serbisch und die Kinder kein Deutsch konnten behinderte uns dabei kaum. Es waren Zeichen und Gesten die ausreichten, um uns zu verständigen und auch zu zeigen, was wir fühlten Freude!
Es war laut, wild und vor allem lustig.

Bingo!

Der wöchentliche Höhepunkt unseres Programms war das Bingo-Spiel Freitagabends.
Abgesehen vom Fußballspielen und dem Diskoabend war dies leider die einzige Gelegenheit, bei der auch Jugendliche und sogar Erwachsene an unserem Programm teilnahmen.
Absolut umwerfend war, wie frenetisch Bingo gespielt wurde als ob es einen Einfluss darauf machen würde welche Zahl als nächstes kommt, je nachdem wie laut man sie ruft.

Balkan-Beats

Vom Tagesbesuch in Ora 2009 wussten wir, dass die Jugendlichen sich auf einen Diskoabend in dem von Zdravo da Ste renoviertem Raum freuten.
Die Disko war nur für die Jugendlichen gedacht und diese sorgten auch dafür, dass keine jüngeren in den Raum durften.
Es wurde eine wilde Balkan-Party (ganz bewusst ohne Alkohol), bei der wir mit den Jugendlichen reden konnten (englisch-serbisch-gestik-deutsch).
Geplant war eigentlich noch mehr Programm mit den Jugendlichen, die auch immer noch unter den Spätfolgen des Kriegs leiden; die Kindern beanspruchten unsere Aufmerksamkeit aber schon fast ausnahmslos.

Die Ausflüge

Da die Kinder in den Lagern von der Gesellschaft teilweise isoliert sind, machten wir mit ihnen einen Ausflug. Für einige von ihnen ist es das erste mal, dass sie weit weg fahren und waren dementsprechend aufgeregt.
Von Zdravo da Ste wurden 2 Ausflüge organisiert: ein Ausflug in eine Kunstgalerie nach Belgrad und ein weiterer Ausflug nach Valjevo, zu dem Grab von Desanka Maksimovic (bedeutende serbische Dichterin) in Brankovina und in die Petnica Höhle.
Für die Kinder war es eine Möglichkeit mit anderen Flüchtlingskindern aus einem anderen Lager Freundschaften zu knüpfen, da wir mit beiden Lagern den Ausflug gleichzeitig machten. Dass wir aus Ora nicht immer alle Kinder mit zum Ausflug nehmen konnten, konnten uns ein paar Kinder leider nicht ganz verzeihen, was sehr schade war.
Besonders die Tour in die imposante Petnica Höhle war für die Kinder sehr aufregend. Zudem war es eine Wohltat, an einem so heißen Tag wie diesem, in eine kühle Höhle zu kommen.

Vor Ort wurde das Programm von den Mitarbeiterinnen von Zdravo da Ste geleitet, was uns die Möglichkeit gab, eine Weile zu entspannen und selbst das Land kennen zu lernen.

Abschlussabend

Am Abschlussabend stellten die Kinder das Programm vor, dass sie mit uns in einer Art Ferienspiele ausgearbeitet hatten: Menschenpyramiden bauen, eine Choreographie, Breakdance, bemalte Bettlaken, gebastelte Musikinstrumente, Lieder und Jonglage.
Leider waren nicht so viele Eltern da wie erhofft; der Freude der Kinder hat das keinen Abbruch getan und spätestens als am Ende die restlichen Gewinne des Bingo verlost wurde, waren alle nochmal dabei.

Motivation

Vertrauen der Kinder geschenkt bekommen,
Vorurteile abbauen,
das Lachen eines Kindes,
die Essenseinladungen der Lagerbewohner,
Wäscheservice der Frauen im Lager,
die bittere Armut im Lager,
die Ungerechtigkeit des Kriegs:
All das veranlasste uns dazu unser Leben in Deutschland kurz pausieren zu lassen, unser Bestes zu geben und zumindest das Leben der Kinder in Kalenic und Ora ein bisschen besser zu machen.

Eine eingeschworene Gruppe

Verstehen wird es nur jemand, der selbst mit dabei war und erlebt, was wir erleben durften:
3 Wochen Extrembedingungen,
13 Zivis,
wenig Freiraum,
ungewohntes Essen,
körperliche Verausgabung beim Spiel mit den Kindern,
persönliche Hochs und Tiefs;
und in dieser Situation noch so gut miteinander auskommen und Platz für neue Freundschaften zu finden.

Rückfahrt in eine andere Welt

Die Nacht noch in einer Baracke auf Isomatten in einem Flüchtlingslager verbracht, kamen wir am Nachmittag schon in einer komplett anderen Welt an in Wien.
Von der bitteren Armut und den schlechten Bedingungen ein paar Stunden Fahrzeit entfernt war hier nichts mehr zu spüren.
Für mich war es ein sehr seltsames Gefühl diesen Kontrast zu erleben und schon am nächsten Morgen in einer Pfarrei aufzuwachen, leckeres Frühstück zu bekommen und in Gedanken doch noch nicht wieder richtig im Luxus angekommen zu sein.
Erst einige Tage später wurde mir langsam klar, wie nah Luxus und Armut auch in Europa beieinander liegen und wie groß die Unterschiede trotzdem sind.