Einsatz 2009


Rahmendaten

Einsatzzeit: 01. - 22. August 2009
Einsatzort : Flüchtlingslager Kalenic
Vorbereitungswoche: 29. April - 03. Mai 2009
Vorbereitungsort : Bannmühle, Odernheim am Glan
Infotag: 06. März 2009, Mainz
AG - Treffen: 06.06., 04.07. jeweils 10-16Uhr
Treffpunkt: Jugendhaus Don Bosco, Mainz
Teilnehmer 2009


Zivis für Kinder in Serbien 2009

Sonntag, 22. November. Die Eindrücke von unserer Reise nach Kalenic haben nun ziemlich genau drei Monate lang hinter meinem aktuellen Tagesgeschehen zurückgestanden. Heute nehme ich mir die Zeit, einen Blick zurück zu werfen, wühle mich durch einen Ordner mit 1494 Fotos, höre mir die „Balkanbeats“ zum wahrscheinlich 83sten Mal an und merke kaum, wie um mich herum nach und nach der unfreundliche, graue Spätherbst verschwindet. Auch meine heiligen Studentenpflichten erscheinen in diesem Licht nur noch halb so bedeutungsschwer. Und wieder ist da das Gefühl, dass kein Gedanke und keine Erinnerung an die ungreifbar lange Zeitspanne von der Werkwoche im April bis zur Heimfahrt aus Kalenic im August dieselbe bleibt. Jedes Foto und jeder Tagebucheintrag erzählt eine andere Geschichte als beim letzten Blick darauf – keine davon hat die Intensität der Erlebnisse aus den gemeinsamen drei Wochen Ausnahmezustand verloren. Hier also die Geschichte, die ich bis zum heutigen Tag erzählen kann.

Das Materiallager vor der Abreise in Mainz

Das Ergebnis von 3 Monaten Geld- und Materialspendensammlung, ergänzt durch die nicht unwesentlichen Bestände aus vergangenen Jahren, repräsentiert einen Großteil unserer Ideen und Erwartungen vor dem Einsatz: Hier häuft sich unser dreiwöchiges Programm inform der benötigten Materialien. Hier schlummert auch unser Kreativpotential, das nötig sein wird, wenn wir in Kalenic feststellen, dass kaum die Hälfte unserer Pläne 1 zu 1 umsetzbar ist und wenn wir aus fast nichts einige der spannendsten Programmpunkte zaubern werden. Andererseits: was hier nicht in einem der Haufen steckt, kann in Serbien auch nicht benutzt werden.



Das Programm

Am Vorabend der Anreise in Kalenic, zu elft in der Belgrader 2-Zimmer-Wohnung eines ehemaligen Projektteilnehmers, den es in der Folge nach Serbien verschlagen hat – unsere letzte Schlafstatt vor dem Einzug in die Lagerbaracke. Bei dieser nächtlichen Besprechung prallt die geballte Erfahrung der alten Hasen auf den nahezu grenzenlosen Optimismus der neuen 6 Teilnehmer. Plötzlich wird uns klar, dass das mit der Programmplanung von April bis Juli schonmal ein ganz guter Anfang war, aber die Lücken hier und sofort und mit nicht mehr Materialien als denen in unserem Bus vor der Tür ausgefüllt werden müssen. Ob nicht jemand ein bisschen serbisch könne, um die Kennenlernspiele zu erklären? Was genau denn eigentlich für Spiele gemeint seien?
Wie die Gruppe wirklich zusammenarbeitet, lies sich auf den vorangegangenen Treffen in weiter Ferne bei Kaffee, Tee und Kuchen bestenfalls erahnen. Das hier war der Ernstfall. Wie wir's letztendlich hinbekommen haben, Tag für Tag drei Programmeinheiten umzusetzen, die mit immer wieder überraschender Begeisterung aufgenommen wurden, ist bestätigtermaßen eine Frage, die keine zwei Projektgruppen auf die gleiche Weise beantworten könnten.

Selbstverpflegung

Ich möchte keinen falschen Eindruck erwecken, indem ich unser wöchentliches Verpflegungsbudget abschätze. Nur so viel: Wer nicht dabei war, wird nicht glauben, wie billig man neun Nasen durchfüttern kann. Die gefühlte Qualität eines Essen ist dabei weitgehend unabhängig von Zutaten und Küchenausrüstung. Alles steht und fällt mit der Kreativität der Köche, der Präsentation (besonders gelungenes Beispiel im Bild), dem Wohlwollen der Esser (die in der Regel am nächsten Tag selbst mit Kochen dran sind) UND der Tatsache, dass es schon eine ganze Weile nichts mehr gab und auch nichts anderes geben wird. Kurz: Eine gute Mahlzeit ist eine Frage der Einstellung. Als besonders dankbar erwies sich, dass sich tatsächlich jeder Küchendienst in Rekordleistungen versucht hat, um alles bisher Dagewesene in den Schatten zu stellen. Und in den meisten Fälllen klappte das sogar, trotz vorwiegend fleischloser Kost.

Begeisterung

Ob die Einheit genauso verlief, wie geplant, war für den Spaßfaktor meistens zweitrangig. Vielmehr ist es die gemeinsam verbrachte Zeit, die den Unterschied zum normalen Lageralltag macht und von den Kindern mit Begeisterung, Respekt und Vertrauen belohnt wird. Abgesehen davon, dass man ihnen mit dem eigenen, äußerst begrenzten, serbischen Wortschatz klarmachen musste, was gespielt wird, war alles möglich. Und je nach Vorbereitung erwies sich diese Hürde als mehr oder weniger überwindbar. Dass es auf dem Fußballfeld verständlicherweise keine Stühle gab, hinderte uns nicht daran „nach Jerusalem zu reisen“.
Aber auch außerhalb der Einheiten war unsere Haustür ein Treffpunkt für viele -

Gastfreundschaft

Zwischenstop auf unserer Fahrt nach Guca. Aco, ein ehemaliger Mitarbeiter bei Zdravo da ste, hat uns auf ein Mittagessen eingeladen und wird uns im Anschluss zum Festival begleiten. Selbst nach einer Woche fast fleischloser Kost können wir den Erwartungen unserer Gastgeber an unsere Mägen kaum gerecht werden. Dieses einzigartige Festmahl zu Gast bei Freunden von Bekannnten von Freunden ist typisch für die Gastfreundschaft, mit der uns die Menschen im Lager und außerhalb begegnet sind – dabei ist die bestmögliche Bewirtung von Gästen auch bei den Ärmsten eine Selbstverständlichkeit. Aber auch ein Gast hat seine Pflichten: Falsche Bescheidenheit ist völlig fehl am Platze und ein bisschen Zeit sollte man auch mitbringen: Ob auf Englisch oder Serbisch, mit Händen, Füßen oder Wörterbuch, egal wie holperig die Unterhaltung ablief, Neugier und Mitteilungsbedürfnis der Gastgeber waren immer wieder beeindruckend.
Im Lager wurden wir darüberhinaus immer wieder mit meistens sehr gehaltvollen und süßen Spezialitäten überrascht.

Langzeitwirkung

Hier hat wohl jemand heimlich geübt? Immer wieder erstaunlich, wie viele Erinnerungen aus dem letzten Jahr bei den Kindern noch abrufbar waren. Batiken stand wohl schon vor unserer Zeit einmal auf dem Programm, sodass viele Kinder nahtlos an die „Friedensschritte“ 2008 anknüfpen konnten. Ein Kalenic-Reisender aus dem letzten Jahr hat uns am Anfang begleitet und wurde von allen Kindern sofort erkannt (und noch stürmischer begrüßt als alle anderen), als wir am ersten Tag aus dem Bus ausgestiegen sind.

Ein Zeichen setzen

Ein Flüchtlingslager sollte dem Namen nach ein Provisorium sein. In Kalenic wohnen vor allem Kosovoflüchtlinge – Menschen, die seit fast zehn Jahren mit der ständigen Hoffnung leben, dass dieser Tag, diese Woche, dieser Monat, dieses Jahr vielleicht die letzten im Lager sind und ein Umzug in eine nahegelegene Stadt ansteht, in eines der Bauprojekte der Regierung oder eine andere dauerhafte Unterkunft – eine Hoffnung die Tag für Tag aufs Neue enttäuscht wird, nicht etwa durch Absagen, Vertröstung auf später oder Ausreden, sondern durch reine Ignoranz und Vergessen, nach dem Motto: keine Nachricht ist besser als eine schlechte Nachricht.
Obwohl sich viele Flüchtlinge ihre Baracken komfortabel eingerichtet haben, scheint niemand so recht überzeugt, diesen Ort als „zu Hause“ zu bezeichnen, geschweige denn wie ein Zuhause zu nutzen. Müll wird achtlos fallen gelassen und verschandelt den Anblick der ohnehin nicht besonders einladenden Industriekulisse bis zur Unkenntlichkeit. Verrottende Holzbänke und -tische und überfüllte Rinnsteine zieren den Basketballplatz, der als allgemeiner Treffpunkt genutzt wird. Und das Miteinander der Menschen im Lager spiegelt die Isolation von der Außenwelt wieder: Jede Familie ist hier mehr oder weniger für sich.
Die großen Müllsammelaktionen, Die Anpflanzung von zwei Bäumen, Reparatur der alten Bänke und der Bau einer Neuen sind nur einige Beispiele dafür, wie mit ein bisschen Inspiration auf einmal das ganze Lager zum Leben erwacht und alle mit zufassen, um diesen Ort wenigstens ein bisschen wohnlich zu machen. Denn es ist nicht Faulheit, sondern Resignation, die viele Menschen davon abhält, sich um ihre Umgebung zu bemühen.
Als Krönung der Programmeinheiten an unserem letzten Lagertag stellen die Kinder mit uns das Programm vor, das wir gemeinsam gestaltet und einstudiert haben. Hier kommen alle Kinder, ihre Geschwister, Eltern und Verwandten im Lager zusammen und wir können nur hoffen, dass dieses Miteinander unseren Einsatz überdauert.







Großstadtluft

Belgrad – zwischen den Slums unter der Brücke und den Nobelclubs und -restaurants, den endlosen Plattenbausiedlungen und der reizvollen Altstadt, den vereinzelt mahnenden Kriegsruinen inmitten pompöser Häuserfassaden, tummeln sich über eine Million Menschen aller Herkunft, Sprachen, Religionen und sozialer Schichten. Von der ländlichen Rückständigkeit bleibt hier keine Spur und die Möglichkeiten, sofern man sich hier eine Wohnung leisten kann, scheinen unbegrenzt.
An unserem erster Tag sind wir hier angekommen um mit der Partnerorganisation Zdravo da ste zusammenzukommen. In der kleinen Altstadtwohnung, die Zdravo als Hauptstandort dient, herrscht eine unnachahmliche Gemütlichkeit: bis unter die Decke mit Zdravos sämtlicher Projektarbeit in Papier- und Videoform, verschiedensten Sitzgelegenheiten für die ständig große Besucherzahl und natürlich Speisen, Getränken und Geschirr für deren Bewirtung vollgestopft, vermittelt das „Wohnzimmer“ eine kreativ-chaotische Atmosphäre. Es ist Anlaufpunkt für viele unabhängige Projektgruppen: Neben den Workshops für Schulkindern, die Zdravo-Mitarbeiter selbst durchführen, gibt es hier eine Übersicht über die Struktur und die Details der serbischen Flüchtlingslager – was wo zu tun ist und wann. Genau diese Gewissheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hat uns in dem, was wir in Kalenic geleistet haben, besonders motiviert und alle eventuell hinderlichen Zweifel und Widerstände aus dem Weg geräumt.

Die Ausflüge

Das ist die Gelegenheit für alle Kinder, weiter als einen Fußmarsch aus dem Lager rauszukommen, ohne trampen zu müssen. Für viele ist das leider eine Seltenheit.
Der Besuch einer Belgrader Kunstgalerie mit Zdravo wird dementsprechend begeistert aufgenommen und stellt einen unbeschreiblichen Kontrast zu dem schmucklosen, pragmatischen Lagerleben her. Unser Spaziergang durch die Altstadt und auf den Kalemegdan gibt uns viel Gelegenheit, uns und die Fußgängerzone mit Kalenics Gruppenspielen und (Sprech)chören zu unterhalten und die Eindrücke aus der Galerie in einem Outdoor-Workshop, geleitet von Zdravo, auszutauschen und zu verarbeiten.
Der Badesee in Lazarevac war ein ebenso seltenes Highlight. Viele Kinder, selbst die Jugendlichen, können nicht richtig schwimmen, weil ein See oder Schwimmbad von Kalenic aus nicht erreichbar ist. Und deshalb ist es genau der richtige Ausflug, um alle Kinder und auch einige Jugendliche, die sich zu Programmeinheiten leider nicht oft sehen lassen, für eine gemeinsame Aktivität zu begeistern.



Ein anderes Lager – eine andere Welt

In Ora haben wir einen Tag verbracht um herauszufinden, wie es dort zugeht und ob das Lager im nächsten Jahr ins Projekt aufgenommen werden sollte. In Ora Leben mehr als doppelt so viele Menschen wie in Kalenic unter noch schlechteren materiellen Bedingungen. Trotzdem begegneten uns die 50 Lagerkinder mit überschäumender Energie, Fröhlichkeit, Offenheit und einem enormen Aufmerksamkeitsbedürfnis, die unsere Planung auf eine harte Probe stellten. Das hat uns an einem bisher nicht vom Projekt bedachten Lager einmal mehr gezeigt, wie sehr die Arbeit von Zdravo und unsere Einsätze geschätzt werden und wie abgeschnitten, ausgegrenzt und vergessen die Menschen sich fühlen müssen, wenn sie in ihrem üblichen Lageralltag gefangen sind. Lediglich der Anreiz und zwei Mitarbeiter von Zdravo waren im vergangenen Jahr genug, um die Arbeitsfähigen im Lager für die Instandsetzung eines Clubraums zu begeistern, der am Tag unseres Besuchs in eine rauschende Balkan-Disco verwandelt wurde. Denn oft fehlt es allein an Motivation, das Schicksal selbst die Hand zu nehmen: Fast alle Menschen in dem ehemaligen Auffanglager sind Kosovo-Flüchtlinge, traumatisiert durch die Brutalität und Ungerechtigkeit des Krieges. Wieviel Kraft es für einen Neuanfang aus der Mittellosigkeit braucht, nachdem einem die vormalige Existenz vollständig genommen wurde, ist für uns nicht vorstellbar. Umso wichtiger ist jede Zuwendung zu den Kindern von außerhalb, jeder hoffnungsvolle Impuls jenseits der Resignation innerhalb des Lagers.