Einsatz 2007


Rahmendaten

Einsatzzeit: 28. Juli - 18. August 2007
Einsatzort : Flüchtlingslager Cardac und Petrovac
Vorbereitungswoche: 23. April - 27. April 2007
Vorbereitungsort : VBS Sohrschied
Infotag: 21. März 2007, Mainz
AG - Treffen: 12.05., 14.07.
Treffpunkt: Don Bosco, Mainz
AG - Treffen: 16.06.,
Treffpunkt: Trier
Teilnehmer 2007

Erfahrungsbericht eines Teilnehmers

Sommer 1995: Ich war mit meiner Familie im Urlaub an der Ostsee. An einem dieser sonnigen Tage befanden wir uns auf dem Rückweg von einem Ausflug, als in den Nachrichten von der Beteiligung deutscher Tornados an den Einsätzen auf dem Balkan berichtetet wurde. Ich, damals 11 Jahre alt, empfand Angst.

Und wie ist die Situation heute auf dem Balkan? Diese Frage stellte ich mir während meines Zivildienstes bei der Diakonie, als ich fast 12 Jahre nach diesem Familienurlaub von dem Projekt "Zivis für Kinder in Serbien" erfuhr.

Mir gefiel dieses Projekt und so beschloss ich meine Zivildienstzeit für drei Wochen alternativ zu gestalten. Nach einer langen Vorbereitungsphase startete der Freiwilligeneinsatz am 28.07.2007. Nachdem wir unsere Materialien in die zwei uns zur Verfügung gestellten Kleinbusse eingeladen hatten, verbrachten wir noch einen letzten gemeinsamen Abend in Mainz, bevor unsere Fahrt am nächsten Morgen begann. Neben den Materialien hatten wir vieles an Wissen über die Geschichte des Balkans, die Kriege und die serbische Sprache mit auf den Weg bekommen. Alle diese Dinge waren Thema einer Vorbereitungswoche.
Die ca. 1600 km lange Fahrt bis in das Flüchtlingslager zog sich über zweieinhalb Tage. Wir übernachteten in Graz in einem katholischen Pfarrhaus und in Belgrad in einer Eisenbahnerschule. Schon auf der Hinfahrt durch Serbien konnte man viele Eindrücke sammeln. Je näher wir unserem Ziel dem Flüchtlingslager Cardak kamen, desto schmaler und schlechter wurden die Straßen. Bauern befuhren mit von Pferden gezogenen Wagen die Straßen. Die Ortschaften, die wir passierten, wirkten trist und die Häuser waren oftmals in schlechtem Zustand.
Und dann war es soweit. Wir waren im Flüchtlingslager Cardak angekommen. Kaum aus dem Bus ausgestiegen waren wir von Kindern umringt, die unsere Ankunft bereits erwartet hatten. Neugierig auf uns fragten sie nach unseren Namen. Da wir die Sprache ein wenig gelernt hatten, konnte ich mit einem zögerlichen "Zovem se Daniel" (Ich heiße Daniel) antworten. Etwas gelähmt von den vielen Eindrücken, die auf mich einwirkten, war ich bei der Ankunft den Kindern gegenüber sehr zurückhaltend.
Geblendet von der landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der aus der Ferne optisch schön anzuschauenden Häuser und Hütten wähnte ich mich eher im Urlaub als in einem Flüchtlingslager. Dies kam nicht von ungefähr. Das Flüchtlingslager Cardak war bis zu den Kriegen ein Feriendorf. Jetzt leben dort die Flüchtlinge zum Teil schon über 10 Jahre. Von Näherem betrachtet erkennt man jedoch den miserablen Zustand der Gebäude. Überall undichte Fenster durch die es hineinregnet, Schimmel an den Wänden, defekte Toiletten und kaputte Waschbecken. Das Leitungswasser riecht oft seltsam nach Schwefel. Es herrscht enorme Enge. Eine Familie bat mich in ihre Holzhütte hinein. Dort leben Oma, Sohn und Schwiegertochter sowie die zwei Enkel in einem Raum von nicht einmal 25m². Und dort spielt sich auch der Alltag ab: Kochen, Waschen, Schlafen und im Winter auch das Spielen der Kinder.
Da die Kinder bereits bei der Ankunft auf uns gewartet hatten, begannen wir recht bald mit unserem Programm. Zunächst sind wir mit dem Megaphon in der Hand durch das weitläufige Flüchtlingslager gegangen, um unsere Ankunft auch den Kindern und Erwachsenen mitzuteilen, die uns noch nicht gesehen hatten. Mit einem „parsi, parsi, nemacki su ovdje“ hatten wir auf uns aufmerksam gemacht.. Fortan waren die Worte „parsi, parsi“ bei den Kindern der Running-Gag des Programms und blieb bei fast keiner Programmeinheit unerwähnt.
Unser Programm mit den Kindern starteten wir mit Kennenlernspielen wie dem gordischen Knoten, bei dem alle Spielteilnehmer mit geschlossenen Augen aufeinander zugehen und sich in der Menge der Teilnehmer an die Hände packen müssen. Wenn alle Hände eine Partnerhand gefunden haben, beginnt das entknoten des „menschlichen Knäuels“, indem man über und unter den anderen Teilnehmern klettert. Auch das von uns mitgebrachte Schwungtuch kam zum Einsatz.
Am Ende des ersten Tages im Flüchtlingslager sah ich mich mit den vielen neuen Namen der Kinder konfrontiert. Ich hatte an diesem Tag schon so viele Eindrücke gesammelt, dass es mir schwer viel sich die Namen der Kinder einzuprägen.
Unsere Tage im Flüchtlingslager sahen so aus, dass wir morgens, nachmittags und abends jeweils eine Programmeinheit für die Kinder im Flüchtlingslager angeboten haben. Dort haben wir u.a. Völkerball, Fußball und Fangen gespielt. Für mich völlig unerwartet hatten die Kinder sehr viel Spaß beim Boule spielen gehabt.
Neben Spielen haben wir mit den Kindern auch viel gebastelt – u.a. Papierflugzeuge und Handpuppen. Gerade bei dem Bau der Handpuppen war die Kreativität der Kinder gefragt. Es war schön anzuschauen, wie die Kinder Puppenköpfe und Puppenkleider individuell gestalteten und somit jetzt ihre eigenen Puppen haben, mit der sie auch nach unserer Abreise spielen können.
Zwischen den Programmpunkten haben wir die nächsten Einheiten geplant. Dies war gerade für die aufwendigeren Spiele wie der Lagerolympiade und dem Indianertag notwendig. Aber auch für die „einfacheren“ Programmpunkte wie das Batiken von T-Shirts mussten wir uns u.a. mit der serbischen Sprache auseinandersetzen, um den Kindern auch erklären zu können, was wir nun mit Ihnen machen wollten. Viel Zeit für Erholung blieb nicht, da wir in unseren Pausen auch oft mit den Kindern Basketball gespielt haben und alle Dinge, die halt so erledigt werden mussten gemacht wurden: Kochen, Einkaufen, usw..
Im Flüchtlingslager bestand unser Speiseplan aus Kartoffeln, Nudeln, Reis, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Brot und Aufstrich. Ich mochte das Essen in der zweiten Woche nicht mehr sehen, meine Portionen wurden stetig kleiner. Aber was sind schon zwei Wochen im Vergleich zu den vielen Jahren, in denen sich die Flüchtlinge schon davon ernähren. Viele haben noch nicht einmal das Geld, um sich auf den Märkten diese Lebensmittel zu kaufen. Viele Flüchtlinge, gerade Ältere, Schwache oder kriegstraumatisierte Menschen, sind täglich auf das Essen aus der Lagerkantine angewiesen. Da gibt es seit Jahren jeden Tag Suppe und Brot.
Ich habe meine Zeit im Flüchtlingslager bewusst erlebt und sie verging wie im Flug. Wir waren uns im Klaren darüber, dass wir die Probleme der Flüchtlinge nicht hätten lösen können, aber ich hoffe wir haben den Kindern eine unvergessliche Zeit bereitet. Vielleicht sind die Kinder im Umgang mit uns offener gegenüber Menschen anderer Nationen und Ethnien geworden.
Unser Projekt sollte mit einem großen Abschlussprogramm unter dem Motto „Internationaler Abend“ enden. Dazu haben wir schon einige Tage zuvor mit den Kindern angefangen zu üben und gemeinsam die Dekoration, die aus Flaggen verschiedener Länder der Welt bestand, zu basteln.
Unter den Augen zahlreicher Eltern und anderer Lagerbewohner haben die Kinder die Jonglage aus Japan, die indische Magie, das schweizerische Puppentheater und noch Vieles mehr aus der Welt aufgeführt. Im Anschluss feierten wir noch mit den Kindern und Bewohnern bei serbischer Musik weiter. An diesem Abend bekam ich die Dankbarkeit der Eltern für unsere Tätigkeit zu spüren. Von manchen Eltern haben wir kleine selbst gestrickte Küken oder Miniatur-Socken zum Abschied geschenkt bekommen.
Am nächsten Morgen versammelten sich viele Kinder und Eltern vor unserer Unterkunft, um uns zu verabschieden. Zwar freute ich mich wieder auf zu Hause, aber der Schmerz, die Kinder hier in einer ungewissen Zukunft zurückzulassen, überwog.

In Deutschland angekommen, sind wir wieder in einer völlig anderen Welt gelandet. Ich denke oft an die Erlebnisse zurück. Einige Dinge sind mir erst zu Hause bewusst geworden.
Dass es in Serbien immer noch Flüchtlinge gibt, wissen die wenigsten. Sie leben nur 1600 km oder ein paar Flugstunden entfernt von uns, mitten in Europa. Und das schon seit vielen Jahren.

Gerade darum ist mir hier erst bewusst geworden, wie gut es uns hier in Deutschland ergeht und dass auch trotz unseres materiellen Wohlstandes andere Werte wie Familie, Freundschaft und Friede wesentlich wichtiger sind. Und so konnten wir den Kindern in Serbien eben auch nicht materiell helfen, ihnen dafür aber vielleicht etwas dieser Werte vermitteln und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

© Verfasst, Daniel Greb, Oktober 2007